Durch die verstärkte Siedlungstätigkeit im Gebiet des heutigen Stadtteils Ramersdorf Ende der zwanziger/Anfang der dreißiger Jahre war auch der evangelische Bevölkerungsanteil so stark angewachsen, dass sich Bestrebungen regten, eine evangelische Kirche zu schaffen, weil die kirchliche Versorgung durch St. Paulus in Perlach als nicht mehr ausreichend angesehen wurde.
Mit Bibelstunden in der Führichschule begann diese Entwicklung, es folgte dann ein Betsaal im damaligen "Haus Elisabeth" in der Rosenheimer Straße (heute Altersheim St. Maria Ramersdorf) und schließlich wurde bereits 1931 der Evangelische Verein Neuramersdorf gegründet, nicht nur zum Zwecke der Förderung des evangelischen Gemeindelebens und der Einrichtung evangelischer Schulklassen, sondern vor allem mit dem Ziel der Errichtung einer selbständigen Pfarrei oder eines Vikariats und eines Baufonds zur Errichtung einer Kirche.
Gedacht war an die Schaffung einer Notkirche, wozu es aber schon deshalb nicht kam, weil ein geeignetes Grundstück fehlte. Parallel hierzu liefen Bestrebungen zur Errichtung einer Tochterkirchengemeinde mit einem Stadtvikariat.
Der Initiator und Planer der Mustersiedlung
Der Stadtrat Guido Harbers, verfolgte schon seit 1929 den Plan eine Mustersiedlung zu errichten. Diese sollte eine günstige Möglichkeit sein um einfache Einfamilienhäuser zu erwerben. Er verfolge von Anfang an den Plan, an einer städtebaulich bedeutsamen Stelle dieser Siedlung eine evangelische Kirche zu schaffen. Ende 1933/Anfang 1934 nahmen die Dinge eine unerwartete Wendung, als sich die Stadt München entschloss, in Ramersdorf diese Mustersiedlung zu errichten.
Ebenso wie er maßgeblichen Einfluss auf Planung und Errichtung der Siedlung hatte, schuf er dann als Baumeister auch die evangelische Kirche, die sich nach seiner Vorstellung vollkommen in das Siedlungsbild einpassen und zugleich der krönende Abschluss dieser Siedlung sein sollte.
Aufgrund günstiger Finanzierungsregelungen, die ebenfalls Stadtrat Harbers zu danken sind, gelang es, den Kirchenbau 1935zu vollenden (Die Grundsteinlegung fand statt am 18.11.1934. Ihr folgte die Einweihung am 1.9.1935.) Das Gemeindehaus mit Pfarrhaus wurde 1936 fertig gestellt.
Die Kirche erlitt im Kriege nur geringe Schäden, im Gegensatz zu dem am 31. Juli 1944 total zerstörten Gemeindehaus.
Mit viel Eigeninitiative gelang es der Gemeinde nach dem Krieg, das Kirchengebäude wieder nutzbar zu machen. 1949 wurde die Gustav Adolf Kirche zur selbstständige Evang.-Luth. Pfarrei München erhoben.
1951 das Gemeinde- und Pfarrhaus nach den alten Plänen wieder aufgebaut. Durch Umbau und Erweiterung des Gemeinde- und Pfarrhauses erhielt das Gemeindezentrum der Gustav-Adolf-Gemeinde 1963/64 seine jetzige Gestalt.
Der an der Südseite des Kirchenschiffes gelegene offene Kreuzgang wurde 2001 geschlossen, wodurch ein neuer schöner Gemeinderaum mit Küche geschaffen worden ist.
Mit dieser letzten größeren Baumaßnahme konnte die bereits seit den dreißiger Jahren bestehende Gemeindekonzeption für das Gemeindezentrum zu einem Abschluss gebracht werden.
2004 wurde zunächst der Keller mit Jugend- und Gruppenräumen saniert. 2005 folgte dann die Sanierung des Erdgeschosses mit dem Einbau einer Küche und der Neugestaltung des Gemeindesaales. Es folgte im Jahr 2014 die Ausgestaltung und Fertigstellung eines Jugendraumes und im Jahr 2015, mit dem Wechsel von Pfarrer Herzog zu Pfarrer Ammon, die komplette Sanierung des Pfarrhauses im Einklang mit dem Denkmalschutz.
2020 wurde in der Kirche eine zeitgemäße Innengestaltung vorgenommen und die Elektrik auf den neuesten technischen Stand gebracht. 2022 werden die alten Glocken aus Gusseisen durch zwei gebrauchte Bronzeglocken (aus einer Kirche aus Düsseldorf) und einer neuen Glocke ersetzt.
Warum heißt die Kirche eigentlich Gustav-Adolf?
Am 6. November 1932 hält Pfarrer Bomhard von St. Paulus einen Vortrag über den Schwedenkönig Gustav-Adolf, über dessen Leben und Wirken anlässlich seines 500. Todestages. Das Jubiläumsjahr des Königs war sicherlich mit ausschlaggebend für die spätere Namensgebung der Kirche. Kann man dieser Namensgebung ein gewisses kämpferisches Selbstbewusstsein nicht absprechen, schließlich war Gustav-Adolf kriegerischer Schutzherr der Protestanten in Deutschland, so hätte sie sich auf der anderen Seite auch als einen mehr oder weniger subtilen Affront verstehen lassen. Findet sich doch in der nicht weit entfernten, gut bekannten katholischen Wallfahrtskirche St. Maria Ramersdorf ein einschlägiges Votivbild. Das Bild zeigt die Freilassung von dreißig Geiseln Gustav-Adolfs, die im 30-jährigen Krieg erst nach dreijähriger Haft in Augsburg frei kamen.
Der evangelische Pfarrer sprach mit dem kath. Pfarrer der Maria Ramersdorf Kirche über die Namensfindung Gustav Adolf Kirche und da soll der kath. Pfarrer geantwortet haben: „Mir ist egal wie sie heißen soll, wenn in diesen Zeiten eine christliche Kirche gebaut werden soll, bin ich mehr als dankbar.“
Außenansicht der Gustav-Adolf-Kirche zur Einweihung im Jahr 1935
Die Fresken an der Fassade
Im Vestibül der Gustav-Adolf-Kirche befinden sich vier Fresken mit je drei Figuren. Alle Figuren sind frontal stehend in antiker Tracht dargestellt und haben einen Nimbus. Ihre Ikonographie folgt der der zwölf Apostel. Jede der Figuren hat ein Attribut, an dem man jeweils erkennen könnte, welche Figur welchen Apostel darstellt. Jedoch sind die Attribute nicht eindeutig gegeben, sodass der Eindruck entsteht, es würde sich nicht um die zwölf Apostel handeln. Für diese Fresken soll der Architekt die Künstler Schilling und Grassmann gewonnen haben.
Links außen:
Als erstes steht Petrus. Er hält in der linken Hand den Schlüssel. Der rechte Arm hängt gerade am Körper herunter und die Handfläche ist offen nach vorne gezeigt. Außer an dem Attribut des Schlüssels ist Petrus auch noch an seiner traditionellen Haartracht und dem gestutzten Vollbart erkennbar. Neben Petrus steht Andreas. Er hält sein Marterwerkzeug, das Schrägbalkenkreuz, mit beiden Händen vor dem Körper. Nach ihm ist es auch als Andreaskreuz benannt. Auf der anderen Seite von Andreas steht Jakobus d. Ältere. Er hält den Jakobsstab in seiner linken Hand und die rechte ist zum Segensgestus erhoben. Auf dem Kopf trägt er den Pilgerhut mit der mittig gesetzten Muschel.
Links innen:
Ein jugendlicher bartloser Mann steht als erstes. Schon daran ist er als Johannes zu erkennen. In seiner rechten Hand hält er den Kelch, das Attribut für den Jünger Johannes. Links zu seinen Füßen ist der Adler mit Nimbus zu sehen. Dies ist das Attribut Johannes des Evangelisten. Die mittlere Figur dieses Feldes zeigt Thomas, der mit beiden Händen ein Winkelmaß vor seiner Brust hält. Ihm folgt Jakobus der Jüngere. Er ist zu erkennen an der in seiner rechten Hand gehaltenen Walkerstange und dem Buch.
Rechts innen:
Die erste Figur dieser Freskenreihe ist nicht zuzuordnen. Sie hält in der rechten Hand einen Stab, vielleicht einen Wander- oder Walkerstab. Keinem der noch ausstehen- den Apostel ist dieses Attribut zuzuordnen. Auch keinem Evangelisten, die an der Außenfassade Darstellung finden. In der Mitte steht wahrscheinlich Philippus mit dem Kreuz in seiner erhobenen rechten Hand. In seiner linken Hand hält er einen Stein. Dies ist jedoch das Attribut von Judas Thaddäus und Matthias. Somit ist die Zuordnung dieser Figur nicht eindeutig. Ihm folgt klar deutbar der Evangelist Matthäus. Er hält in beiden Händen ein zum Betrachter hin offenes Buch vor seiner Brust. Links neben seinem Kopf befindet sich ein Engel, sein Attribut als Evangelist.
Rechts außen:
Wieder ist die erste Figur nicht klar deutbar. Es könnte sich um den Evangelisten Lukas handeln. Er hält in der linken Hand ein Schriftband. Dabei könnte es sich um ein Schriftband für das Evangelium oder um ein Malband handeln, da Lukas auch als der Madonnenmaler bekannt ist. Die mittlere Figur ist auch nicht klar zuzuordnen. Sie hat die rechte Hand zum Segensgestus erhoben und in der linken Hand hält sie eine Stange mit einem Knaufabschluss. Dabei könnte es sich um eine stumpfe Lanze handeln. Dann wäre diese Figur als der Apostel Matthias zu deuten. Die rechte und damit letzte Figur des Zyklus ist ganz eindeutig Paulus. Er hält in der rechten Hand das Buch vor der Brust. In der Linken hält er das Schwert, durch das er höchstwahrscheinlich den Tod fand, da dies ein Hinrichtungsprivileg römischer Bürger war. Auch seine schüttere Haar- und Barttracht zeichnet ihn als Paulus aus.
Blond, blauäugig und monumental
– das Altarbild in Gustav-Adolf ruft stetig zur Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte auf
Das Altarbild der Gustav-Adolf-Kirche, ein Fresko, kann grob in ein Raster aus drei Spalten und drei Reihen unterteilt werden. In der Mitte der obersten Reihe ist ein Auge mit einer daraus hervorgehenden Hand zu sehen. Rechts und links davon finden sich je zwei Cherubine, deren vier Zentren die Attribute der vier Evangelisten zeigen. In der darunter liegenden Reihe sitzt mittig Christus mit zum Segensgestus erhobener rechter Hand, flankiert von zwei Erzengeln auf jeder Seite. Unter dieser Gruppe liegen drei Engel mit langen Posaunen in den Händen und erwecken damit die aus den Särgen heraustretenden Toten.
Für das Altarbild gewann der Architekt der Kirche Guido Harbers den damaligen Professor der Akademie der Bildenden Künste in München Hermann Kaspar. Die Kunstanschauung des Künstlers und die Erklärung der Darstellungsart findet sich gut in seinem Artikel: „Wesen und Aufgaben der Architekturmalerei“ in der Zeitschrift „Die Kunst im Deutschen Reich“, 1939: „Wie der autoritäre Staat unabhängig sein muss von den Rücksichten auf belanglose Einzelinteressen und einem höheren Ideal dient, so muss auch die monumentale Malerei - zwar Sinnbild der Natur - frei sein von ihren Zufälligkeiten. Diese Unabhängigkeit spricht aus jedem Teilstück alter Werke monumentaler Kunst und wird gerne als Stilisierung und Idealisierung bezeichnet, in Wirklichkeit ist dies aber der Ausdruck einer aufs Ganze und auf Einordnung gerichteten Kunstanschauung.“
Gustav-Adolf-Kirche im Jahr 2015: